Transition Towns – frischer Wind für die Nachhaltigkeit
Ich schreibe diese Zeilen im Frühjahr 2008. Der Rohölpreis erklimmt täglich neue historische Höchststände, Kupferdiebstahl ist zum Massendelikt geworden, und beim Klimawandel streiten sich die Wissenschaftler hauptsächlich darüber, ob nur die weltweiten Fischbestände zusammenbrechen oder gleich ganz Europa zur Wüste wird und die Überlebenden der Katastrophe nördlich des Polarkreises neue Siedlungsgründe finden werden. Die Aussichten sind, gelinde gesagt, nicht erfreulich.
Angesichts zunehmender Rohstofferschöpfung und drohender Klimakapriolen kann man den Zustand der 1992 in Rio initiierten weltweiten Bewegung für eine nachhaltige Entwicklung nur als Katastrophe bezeichnen. Die „Lokale Agenda 21“-Initiativen dümpeln vor sich hin oder sind bereits sanft entschlafen, der ganze Komplex aus UNO-Konferenzen, wohlklingenden Absichtserklärungen von Regierungen oder Verwaltungsbehörden und gutgemeinten Vor-Ort-Aktionen hat sich als mehr oder weniger wirkungslos erwiesen. Gegenwärtig wird nicht am berühmten „Umbau der Industriegesellschaft“ gearbeitet, sondern an Plänen für neue Kohle- oder Kernkraftwerke, und der bereits eingetretene Mangel an Erdöl soll dadurch behoben werden, dass man im Norden Kanadas mit enormen Folgeschäden für Mensch und Natur Ölsande zu Treibstoff verarbeitet. Die Wachstumsideologie herrscht so unangefochten wie eh und je.
In dieser Situation tut es gut, frischen Wind zu spüren, der aus Großbritannien kommt. Unter dem Banner des „Transition Town Movement“ sind dort in den letzten drei Jahren in mittlerweile 30 Kommunen und Regionen lokale Graswurzel-Initiativen entstanden, die nicht mehr länger auf Politik und Verwaltung warten wollen, um die „Autonomie und Widerstandsfähigkeit“ ihres Wohnorts im Hinblick auf die Folgen des Ölfördermaximums zu stärken und ihren „Kohlenstoff-Fußabdruck zu verkleinern“. Spiritus rector der Bewegung ist der Permakultur-Lehrer Rob Hopkins, dessen Blog transitionculture.org zusammen mit dem Transition Wiki die grundlegenden Informationen zu diesem Projekt enthält. Hoskins entwickelte die Grundzüge seiner Ideen während einer Tätigkeit am Kinsale Further Education College in Irland zusammen mit seinen Studenten. Grundlage ist eine Übertragung der Permakultur-Gestaltungspinzipien auf die Stadtplanung: Wie kann man eine Kommune so organisieren, dass sie so effizient, energiesparend und ausfallsicher funktioniert wie ein natürliches Ökosystem und ihre Bewohner trotzdem ein zufriedenes Leben führen können, ohne Mangel zu leiden? Zu den im „Transition Town Movement“ entwickelten Antworten gehören viele Vorstellungen, die einem bekannt vorkommen: lokales Wirtschaften, lokale Ernährung, lokale Energieversorgung oder die Förderung der Selbstversorgung, aber eine wichtige Rolle spielen auch die Stärkung des lokalen Kultur samt Zusammengehörigkeitsgefühl der Bürger und Lokalpatriotismus und die Reaktivierung alter Kulturtechniken, die für unsere Großeltern noch selbstverständlich waren. Trotzdem wollen die „Transition Towns“ nicht zurück in eine „gute alte Zeit“, die es nie gegeben hat, sondern sind offen für neue Ideen und neue Technologien, was sich besonders deutlich an der selbstverständlichen und umfassenden Nutzung des Internets zeigt.
Die folgenden Übersetzungen einiger der grundlegenden Dokumente des „Transition Town Movement“ sind ein Versuch, diese Ideen im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen. Während ich dies schreibe, nehmen einige Sustainability Educators aus Deutschland an einer Transition-Schulung in Totnes teil, ihre Abenteuer kann man auf Sound of Sirens verfolgen.
Ein Wort zum Vokabular: Eine „Transition Town“ ist sinngemäß „eine Stadt, die den Übergang zu einer Zukunft mit weniger Energie in Angriff genommen hat“. Da es hierfür keine wirklich prägnante deutsche Entsprechung gibt, hätte sich die Beibehaltung als Anglizismus angeboten, aber zu den Grundprinzipien der Bewegung gehört es ja, dass der Erfahrungsschatz der älteren Mitbürger eine wichtige Rolle spielt, und in dieser Hinsicht dürfte ein allzu ausgiebiger Gebrauch von Anglizismen nicht auf fruchtbaren Boden fallen. Ich habe mich daher dafür entschieden, den bereits eingeführten Begriff „Energiewende“ zu verwenden, eine „Transition Town“ ist also eine „Energiewendestadt“, ein „Energy Descent Action Plan“ ein „Energiewende-Aktionsplan“ usw. Das hat natürlich nur provisorischen Charakter – sollte die Bewegung im deutschsprachigen Raum Fuß fassen, wird sich eine angemessene und allgemein akzeptierte Bezeichnung von selbst finden.
Lieber Bernd Ohm,
herzlichen Dank für die tolle Arbeit.
Ich arbeite seit kurzem für das Klimabündnis hier in Österreich und bin extrem beeindruckt vom Transtition-Ansatz und werde demnächst einen Vortrag darüber halten.
Dabei beschäftigt mich das Thema, wie dies alles bei uns funktionieren könnte. Die „Energiewende“-Übersetzung finde ich schon mal ganz gut, aber mir kommt es vor, als ob es um einen ganzheitlichen Kulturwandel geht und es um wesentlich mehr geht als um „Niedrigenergie“. Ich habe aber auch keine besseren Begriffe zu bieten bis jetzt. Den Begriff „Gemeinschaftliche Daseinsmächtigkeit“ finde ich ganz gut.
Gibt es deutsche Untertitel für End of Suburbia oder Power of Community? Wenn nicht, hätten Sie Ideen, wie wir zu solchen kommen könnten?
Herzliche Grüße und nochmal großen DANK
Martin Kirchner